Heute muss daraus nichts werden

Ich gehe den Umweg, weil er schöner ist.

Das Kleine

Es sind viel mehr kleine Dinge in mir als große.

Ich bin eine Sammlerin kleiner Dinge.

Kleine Beobachtungen. Kleine Freuden. Kleine Bewegungen. Dinge, die kaum auffallen und trotzdem Leben in mir bringen.

Das Kleine ist nicht weniger wichtig. Es ist nur leiser.

Die großen Dinge im Leben sind so laut, dass sie das Kleine in mir erschlagen können.

Wenn alles laut ist, höre ich weniger. Wenn alles voll ist, sehe ich weniger. Wenn der Weg keinen Raum lässt, kann ich meine Richtung nicht mehr wahrnehmen.

Dann werde ich selbst laut.

Brücken bauen

Ich habe Brücken gebaut.

Risse geschlossen.

Wege gegangen, die mir vertraut waren.

Wenn der Weg einen Riss bekommt

Das Leben braucht nur einen kleinen Riss im Asphalt, um herauszuwachsen.

So ein Riss kann durch eine Begegnung entstehen. Durch einen Streit. Durch etwas, das zwischen Menschen geschieht und plötzlich die Landschaft verändert.

Früher habe ich in einem Riss vor allem das gesehen, was nicht mehr stimmt.

Etwas, das geschlossen werden muss.

Was, wenn ein Riss nicht nur etwas trennt, sondern auch etwas öffnet?

Und dann weiß ich erst einmal nicht, was richtig oder falsch ist.

Ich weiß nicht, wo es langgeht.

Aber ich spüre etwas.

Etwas Kleines. Etwas ganz und gar Wertvolles. Etwas Lebendiges.

Ich muss es nicht sofort verstehen.

Ich muss es erst einmal bergen.

Wo stehe ich gerade?

Wo kam ich her?
Wo wollte ich hin?
Und vor allem: Wo stehe ich jetzt gerade?

Vielleicht ist genau das der Moment, in dem ich nicht einfach weitermachen muss wie bisher.

Der Weg, den ich gegangen bin, ist nicht mehr der einzige.

Ein neuer Versuch darf zunächst einfach ein Versuch sein.

Wenn ich nicht weiß, wohin, muss ich nicht stehen bleiben.

Ich kann abbiegen.

Der Umweg

Mit Umwegen habe ich es nicht so.

Ich habe es oft eilig.

Ich weiß, dass Leben kurz sein kann. Dass Menschen plötzlich nicht mehr da sein können.

Also: kürzester Weg. Möglichst viel mitnehmen. Bloß nichts verpassen.

Und irgendwann:

Vielleicht ist genau das der Irrtum.

Wenn ich immer nur den Weg nehme, den ich mir vorher ausgedacht habe, kann mir nichts begegnen, womit ich nicht gerechnet habe.

Der Umweg ist meine Chance auf eine schöne Überraschung.

Auf Schönheit, die schon irgendwo da ist.

Neben meinem Weg.

Ich muss gar nicht alles Schöne selber herstellen.

Ich darf es auch finden.

Abbiegen

Ich darf abbiegen, ohne schon zu wissen, wohin.

Einen völlig sinnlosen Umweg machen.

Nicht, weil ich mich verirrt habe.

Sondern weil ich neugierig bin.

Weil ich mich wieder bewege.

Und weil ich heute noch nicht wissen muss, was daraus wird.

Heute muss daraus nichts werden.

Ich gehe den Umweg, weil er schöner ist.

Wir sehen uns, Manu Dillenburg-Lux