Was sind die Dinge, auf die man besser aufpassen sollte?
Eine kleine gedankliche Verkehrskunde des menschlichen Miteinanders
Nicht alle starten unter denselben Bedingungen
Bevor wir darüber sprechen, worauf man im Leben besser aufpassen sollte, lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Verkehrslage.
Denn nicht alle starten unter denselben Bedingungen. Nicht alle haben dieselben Straßen zur Verfügung. Und nicht jeder kann sich seine Route frei aussuchen.
Es gibt gut ausgebaute Strecken, verlässliche Beschilderungen und ausreichend Möglichkeiten, einmal anzuhalten oder die Richtung zu ändern. Andere Wege sind weniger komfortabel. Manche führen über Umleitungen, andere durch unwegsames Gelände. Und nicht jeder hat die gleichen Mittel, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Das wird gelegentlich übersehen, wenn jemand mit großer Selbstverständlichkeit erklärt, wie man es richtig macht.
„Augen auf bei der Berufswahl“, heißt es beispielsweise gern. Als ließe sich ein ganzes Berufsleben mit einem prüfenden Blick an der Kreuzung zuverlässig vorausplanen. Als stünden allen dieselben Straßen offen und als wären die Risiken gleichmäßig verteilt.
Die einen fahren auf gut ausgebauten Straßen mit verlässlicher Beschilderung und kalkulierbaren Sicherheiten. Andere sind auf wechselnden Strecken unterwegs, müssen Umleitungen selbst organisieren und wissen manchmal nicht einmal, ob die nächste Brücke noch trägt.
Und dann gibt es gelegentlich Begegnungen, bei denen jemand aus dem sicheren Fahrzeuginneren heraus erklärt, man hätte eben besser aufpassen müssen.
Vielleicht sollte man also zunächst einmal auf die Verkehrslage achten, bevor man die Fahrweise anderer beurteilt.
Aber was sind eigentlich die Dinge, auf die man besser aufpassen sollte?
Wann wird aus Fürsorge Einmischung?
Kann aus Selbstständigkeit Selbstvernachlässigung werden?
Wie viel Verantwortung kann ein Mensch übernehmen, bevor er sich für alles und jeden zuständig fühlt?
Woran erkennt man, dass gut gemeinte Aufmerksamkeit in Kontrolle umschlägt?
Wer passt eigentlich auf diejenigen auf, die ständig aufpassen?
Kann man es mit dem Aufpassen eigentlich auch übertreiben?
Und woran merkt man, dass man sich selbst gerade aus dem Blick verliert?
Die Verkehrslage ist jedenfalls nicht immer eindeutig.
Gut gemeint ist nicht immer gut angekommen
Da gibt es Menschen, die fahren grundsätzlich auf der Überholspur. Sie erledigen, organisieren, kümmern sich und halten den Betrieb am Laufen. Eigene Bedürfnisse werden dabei gern auf den Seitenstreifen verwiesen. Man kommt schließlich auch später noch dran.
Andere wiederum haben ein ausgesprochen gutes Auge für die Fahrweise ihrer Mitmenschen. Sie erkennen frühzeitig riskante Manöver, weisen auf Gefahren hin und geben gelegentlich ungefragt Verkehrshinweise. Schließlich möchte man ja nur helfen.
Das kann zu interessanten Begegnungen führen.
Während die einen sich gut gemeint begleitet fühlen sollen, haben sie mitunter den Eindruck, ständig unter Beobachtung zu stehen. Die anderen wiederum können kaum verstehen, warum ihre sorgfältig formulierten Warnhinweise nicht mit Begeisterung aufgenommen werden.
Eine kleine Unstimmigkeit im Betriebsablauf.
Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass Fürsorge und Zuständigkeit nicht dasselbe sind. Man kann etwas bemerken, ohne gleich dafür verantwortlich zu sein. Man kann sich Sorgen machen, ohne die Verkehrsführung übernehmen zu müssen. Und man kann andere Menschen durchaus ernst nehmen, ohne ihnen fortwährend die eigene Streckenplanung zu empfehlen.
Das gilt übrigens auch für den Umgang mit sich selbst.
Wer auf alles und jeden aufpasst, sollte gelegentlich einen Blick in den Rückspiegel werfen. Nicht, um Vergangenes wieder aufzuwärmen, sondern um festzustellen, ob man selbst eigentlich noch mit an Bord ist.
Denn es ist durchaus möglich, sich mit lauter Verantwortungsbewusstsein aus dem eigenen Leben herauszuorganisieren. Man ist beschäftigt, gebraucht, zuverlässig und für vieles zuständig. Nur die eigenen Vorhaben stehen schon eine ganze Weile mit eingeschaltetem Blinker am Straßenrand.
Und was ist mit den eigenen Ideen? Den Interessen, der Neugier, den Dingen, die einen begeistern?
Auch sie brauchen gelegentlich Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar ein bisschen Auslauf. Nicht jede gute Idee muss sofort in eine Maßnahme verwandelt werden. Nicht jede Begeisterung braucht einen Arbeitsauftrag. Und nicht alles, was noch nicht fertig ist, muss deshalb auf eine Baustelle geschickt werden.
Überhaupt: Wer hat eigentlich festgelegt, dass im Leben ständig etwas optimiert, aufgeräumt oder fertiggestellt werden muss?
Vielleicht wäre es manchmal ganz sinnvoll, eine Baustelle einfach eine Baustelle sein zu lassen. Oder eine ungeklärte Angelegenheit nicht sofort mit einem Hinweisschild zu versehen. Manche Dinge entwickeln sich schließlich erst, wenn man ihnen ein wenig Platz lässt.
Wer passt eigentlich auf die Aufpassenden auf?
Und dann gibt es noch die Frage nach der eigenen Zuständigkeit.
Wer passt eigentlich auf diejenigen auf, die ständig aufpassen? Und wer kümmert sich um die Menschen, die sich so selbstverständlich um alles kümmern, dass kaum jemand auf die Idee kommt, sie könnten selbst einmal Unterstützung gebrauchen?
Das ist keine ganz unwichtige Frage. Allerdings sollte man aufpassen, daraus nicht gleich die nächste Pflichtveranstaltung zu machen.
Denn selbstverständlich kann man auch Selbstfürsorge übertreiben. Man kann sich so intensiv mit dem eigenen Wohlbefinden beschäftigen, dass kaum noch Zeit bleibt, das Leben zu genießen. Dann wird aus dem Seitenstreifen eine Dauerparkzone und aus der kleinen Pause ein umfangreiches Verwaltungsverfahren.
Es ist eben nicht immer einfach, die richtige Verkehrslage zu erkennen.
Die eigene Ausfahrt nicht verpassen
Vielleicht hilft es, hin und wieder die Perspektive zu wechseln. Nicht gleich zu urteilen, wer falsch fährt, wer Vorfahrt hat und wer sich gefälligst an die Regeln halten sollte. Sondern erst einmal zu schauen, was hier eigentlich passiert. Und unter welchen Bedingungen die Beteiligten überhaupt unterwegs sind.
Vielleicht gehört auch dazu, sich selbst nicht aus der Betrachtung auszunehmen.
Denn es gibt Dinge, auf die sollte man besser aufpassen. Auf andere Menschen, auf Beziehungen, auf Ideen und Möglichkeiten. Auf das, was einem wichtig ist. Auf das, was einem guttut. Und auf das, was man sich im Laufe der Zeit angewöhnt hat, ohne es noch einmal genauer anzusehen.
Manchmal ist es sogar sinnvoll, auf die eigene Aufmerksamkeit aufzupassen.
Sonst beschäftigt man sich am Ende so gründlich mit der Verkehrslage der anderen, dass man die eigene Ausfahrt verpasst.
Aber das ist natürlich nur ein Hinweis.
Die Entscheidung über die weitere Fahrtrichtung bleibt jedem selbst überlassen.