Ich gestehe anderen Menschen zu, eine Geschichte zu haben, die ich nicht vollständig kennen kann.
Ich weiß nicht, was sie geprägt hat. Was sie verletzt hat. Welche Erfahrungen sie mit sich herumtragen. Was sie zu dem Menschen gemacht hat, der mir heute begegnet.
Ich kann versuchen, sie zu verstehen. Ich kann Zusammenhänge suchen, Verhalten einordnen und Vermutungen anstellen.
Aber ich weiß nicht alles.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das ich für eine Form von Menschlichkeit halte: die Bereitschaft, das Nichtwissen auszuhalten. Nicht vorschnell zu urteilen. Nicht so zu tun, als hätte ich einen Menschen verstanden, nur weil ich sein Verhalten beobachtet habe.
Jeder Mensch hat eine Geschichte. Auch dann, wenn ich sie nicht kenne.
Diesen Gedanken kann ich anderen gegenüber gut gelten lassen.
Bei mir selbst sieht das offenbar anders aus.
Wenn ich etwas fühle, möchte ich wissen, warum. Wenn ich etwas denke, möchte ich verstehen, woher dieser Gedanke kommt. Und wenn ich etwas tue, suche ich nach den Beweggründen.
Ich möchte Zusammenhänge erkennen, mich selbst verstehen und herausfinden, was hinter einer Reaktion steckt und was ich daraus lernen kann.
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Im Gegenteil. Selbsterkenntnis ist wertvoll.
Aber irgendwann ist mir etwas aufgefallen.
Ich gestehe anderen Menschen eine unbekannte Geschichte zu. Mir selbst gestehe ich ein unbekanntes Innenleben kaum zu.
Als müsste ich mich selbst jederzeit durchschauen können. Als müsste ich für meine Gefühle eine Erklärung finden, für meine Gedanken eine Begründung und für meine Reaktionen einen nachvollziehbaren Zusammenhang.
Warum eigentlich?
Warum darf bei anderen etwas offenbleiben, während ich bei mir selbst so schnell nach einer Antwort suche?
Erwarte ich von mir eine Art innerer Transparenz, die ich von keinem anderen Menschen erwarten würde?
Dabei bin auch ich ein Mensch mit einer Geschichte. Mit Erfahrungen, Erinnerungen, Prägungen und inneren Bewegungen, die sich nicht immer auf Anhieb entschlüsseln lassen.
Auch ich darf etwas fühlen, ohne sofort zu wissen, warum.
Ich darf traurig sein, ohne die Ursache meiner Traurigkeit bereits benennen zu können. Ich darf mich über etwas ärgern, ohne schon genau verstanden zu haben, was mich daran getroffen hat. Und ich darf widersprüchliche Gefühle haben, ohne sie unverzüglich auflösen zu müssen.
Nicht alles, was in mir geschieht, muss sich sofort erklären lassen. Und nicht alles, was ich noch nicht verstehe, ist deshalb falsch oder ein Problem, das ich dringend lösen muss.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Selbstreflexion und dem ständigen Bedürfnis, sich selbst zu erklären.
Das eine öffnet einen Raum für Erkenntnis. Das andere lässt womöglich keinen Raum mehr für das, was noch keine Antwort hat.
Ich möchte mich weiterhin verstehen. Ich möchte Zusammenhänge erkennen und aus meinen Erfahrungen lernen.
Aber ich möchte mir dabei nicht länger selbst im Weg stehen.
Ich muss mich nicht erst verstehen, um mich ernst nehmen zu dürfen.
Meine Gefühle müssen sich nicht vor meinem Verstand rechtfertigen.
Ich darf eine Frage offenlassen, ohne mich selbst infrage zu stellen.
Ich darf mich entdecken, ohne mich ständig untersuchen zu müssen.
Es könnte für mich möglich werden, mir selbst ein wenig von dem entgegenzubringen, was ich anderen zugestehe: die Offenheit für eine Geschichte, die ich noch nicht vollständig kenne.
Meine eigene.
Vielleicht liegt darin eine neue Form innerer Zufriedenheit.
Nicht darin, immer mehr über mich selbst herauszufinden, sondern in der Erlaubnis noch nicht alles erkannt haben zu müssen.
Ich muss nicht alles verstehen. Ich darf mir selbst vertrauen, auch im Nichtwissen.
Wir sehen uns, Manu Dillenburg-Lux