Stadt, Land, Fluss

Dorf statt Stadt.

In der letzten Zeit ging es oft um die individuellen Alltagserfahrungen in der Coronazeit. Da und dort gab es Unterhaltungen mit mehr Tiefe. Eine Vielzahl von Gesprächen miteinander, gingen über das Oberflächliche hinaus. Oft war Thema, was man gern ab sofort erleben möchte. Und mancher Dialog endete damit, dass sehr konkret die jeweils persönliche Vorstellung von Lebensqualität beschrieben wurde.

Auch meine eigene Vorstellung von Lebensqualität hat sich in gewisser Weise in den letzten Jahren gewandelt.

So finde ich inzwischen das Stadtleben für mich nicht mehr erstrebenswert. Dass das Dorfleben mehr für mich sein kann, als nur eine Übergangslösung, ist eine wunderbare Einsicht. An ein solches Umdenken knüpft sich wirklich viel Neues.

Staunen

kommt darüber auf, dass ich hier dadurch doch auf einmal viel zufriedener aufgestellt bin. Es zeigt sich, dass so manche neue Möglichkeit bereits da ist, die mir bislang verborgen war. Ungewöhnlich, wie ich dadurch auch jetzt mit den Menschen in meiner näheren Umgebung mehr gemeinsame Themen habe, gemeinsame Glücksmomente teilen kann, auch mitteilen kann.

Warum nochmal, habe ich dieses besonders Liebenswerte bisher immer woanders gesucht?

Ich weiß nicht mehr, was mein Beweggrund war. Ich habe eine andere Blickrichtung eingenommen. Jetzt scheinen sich meine Bedürfnisse hier in einer unerwarteten Weise zu erfüllen. Geändert haben sie sich jedenfalls nicht, wie ich jetzt sicher weiß.

Ich erinnere mich augenblicklich wieder an meine Parole: Gib die Sehnsucht auf und halte Dich an Deiner Liebe fest. Und wirf Dein Herz voraus, für den nächsten Sprung..

Vertrauen

Es ist ja so, dass Neues an Vertrautem andocken muss. So funktionieren Wahrnehmung und Kommunikation.

Wenn beispielsweise ein Partner nie das Stadtleben erlebt hat, wie soll er dann meine Sehnsucht danach verstehen?

Inzwischen habe ich nicht nur meine inneren Widerstände gegen das Leben im Dorf aufgegeben, sondern genieße es unterdessen wirklich, hier gefühlt im Outback zu leben.

Neulich sagte jemand, ich hatte einen echten Dorfmoment, als ich mit der Flasche Wein in der Hand übers Feld zu Dir gekommen bin. Wie schön, ich bin inzwischen hier angekommen, denn ich verstehe mittlerweile, was damit gemeint ist und ich liebe diese Qualität und ich will so leben.

Fließende Übergänge

Vielleicht möchte ich das auch jetzt wirklich einmal meinem Partner sagen. Möglich, dass er meine Sehnsucht nach der Stadt, in der ich geboren bin, fehlinterpretiert hat. Es ging nie darum, ob die eine oder andere Erlebnisqualität besser ist. Alles ist im Fluss und alles ist perfekt in der Zeit.

Augenblicke

Spätestens seit den Lockdownphasen weiß ich, dass das hier jetzt das Paradies ist, auf das ich schauen darf, wenn ich auf meiner Terrasse in den Garten blicke. Und ich liebe es, die frische Luft zu atmen, besonders bei den hohen Temperaturen in den letzten Tagen, weil es so angenehm niemals im Sommer in der Stadt sein kann.

Da, wo ich bin, da will ich sein.

Sein

Stadt, Land, Fluss, Lebensfluss – es hat da wohl so was, wie eine Metamorphose gegeben, vom Stadtmenschen zum Dorfmenschen. Wie auch immer, mir ist die Anonymität der Stadt, die ich damals immer als mein Wohnzimmer erlebt habe, inzwischen nicht mehr so viel wert.

Unterwegs

Der Lebensfluss hat mich hierhin gespült, meine Kinder sind hier großgeworden. Hier finde ich jetzt sowohl die Möglichkeit, individuell und einzigartig zu sein, als auch Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ich sehe Umstände positiv, jetzt, in diesem anderem Licht und ich finde so neue, gute Dinge, die ich bisher völlig übersehen hatte.

Als vor sieben Jahren mein Vater verstorben war, wurde mir im Küchenfachgeschäft des Dorfes herzliches Beileid gewünscht – so was, zum Beispiel.

Vor noch nicht allzu langer Zeit, hätte mich dieser Einblick in meine Innenwelt, von an sich fremden Menschen, sehr gestört.

Es kommen viele Erfahrungen der letzten Jahre zusammen, die unter dem Strich dazu geführt haben, dass ich jetzt auch hier wieder glücklich bin, wo ich bin.

Lange dachte ich zum Trost, Zuhause sei nur ein Gefühl und der Ort spiele keine Rolle. Das stimmt für mich so nicht ganz.

Treue

Was wirklich tröstet, ist, sich selbst treu zu bleiben. An manchen Orten ist das leichter, als an anderen. Und im Zusammenspiel mit manchen Zeitgenossen ist das auch leichter, als mit anderen.

Vielleicht möchte ich diese beiden Themen demnächst einmal vertiefen, weil sich daraus für mich weitere Strategien ableiten lassen, Wohlbefinden in Situationen und Beziehungen zu gestalten.

Aber davon abgesehen, ist für mich klar:

Wenn sich im Außen viel verändert hat, brauche ich manchmal einen deutlichen Impuls für eine Pause. Und dann hat die Seele Zeit, wieder in Einklang mit dem Körper zu kommen.

Außen, das meint vieles, Rahmenbedingungen, aber auch Verhaltensweisen, Umgangsformen, Äußerungen von Menschen. Das alles sind Informationen, die ich aufnehme und verarbeiten muss. Manches ist unter Umständen für mich befremdlich. Um aus dem Fremdeln in ein wohliges Staunen zu kommen, brauche ich also gelegentlich Zeit, damit wertschätzend umzugehen.

Darauf will ich ab sofort besonders achten, nämlich frühzeitig zu erkennen, ob jetzt eine Auszeit angebracht ist. Ich muss nicht auf den nächsten Lockdown warten oder irgendeine Krankheit, um zu Ruhe und Innehalten forciert zu werden.

Freiheit und Zeit zur Rückbesinnung auf die Natur finde ich hier direkt hinterm Haus.

Wir sehen uns, Manu Dillenburg-Lux