Treue und Trauer

Bleiben – oder treu bleiben?

Ich habe lange gedacht, Treue hätte vor allem mit Bleiben zu tun.

Mit Durchhalten. Mit Festhalten. Mit dem Versprechen, nicht wegzugehen, auch wenn es schwierig wird.

Heute denke ich anders darüber.

Vielleicht hat Treue viel weniger mit dem Festhalten an einer Form zu tun als mit dem Bewahren von etwas, das uns wichtig ist.

Aber was ist das eigentlich?

Was sind die wichtigen Dinge, denen ich in meinem Leben wirklich treu bleiben möchte?

Ich merke, dass ich bei dieser Frage immer wieder bei der Liebe lande.

Und bei der Trauer.

Alles gleichzeitig

Vielleicht ist das eine der merkwürdigsten Erfahrungen des Lebens: Es geschieht alles gleichzeitig.

Wir trauern und sind glücklich.
Wir sind dankbar und traurig.
Wir verlieren etwas und werden gleichzeitig jemand anderes.

Das Leben macht daraus keine ordentlichen Kapitel.

Vielleicht ist es viel öfter ein Sowohl-als-auch als ein Entweder-oder.

Trauer und Glück.
Abschied und Liebe.
Loslassen und Halten.
Veränderung und Treue.

Ein Mensch kann in eine andere Form übergehen – durch den Tod, durch das Erwachsenwerden, durch Veränderung, durch das Leben selbst.

Und vielleicht verlieren wir dabei nicht unbedingt die Liebe.

Wir verlieren ihre bisherige Form.

Und genau deshalb müssen wir vielleicht nicht entscheiden, welches Gefühl nun das „richtige“ ist.

Es darf alles gleichzeitig da sein.

Das ist für mich ein tröstlicher Gedanke.

Abstand, um wieder sehen zu können

Auch wir selbst verändern uns.

Grenzerfahrungen können uns so verändern, dass wir erst einmal herausfinden müssen, wer wir inzwischen geworden sind.

Dafür braucht es manchmal Abstand.

Mit der Nase an der Leinwand erkennt man nicht den Rembrandt.

Manchmal muss man ein Stück zurücktreten, um wieder das Ganze sehen zu können.

Und manchmal muss man einen Ort verlassen, um bei sich selbst anzukommen.

Nicht unbedingt einen geografischen Ort.

Manchmal ist es eine Vorstellung. Eine Rolle. Ein Lebensentwurf.

Etwas, das einmal getragen hat und irgendwann nicht mehr trägt.

Manchmal ist Selbsttreue, eine Form loszulassen, die nicht mehr trägt.

Das bedeutet nicht, dass das, was darin gelebt wurde, plötzlich wertlos ist.

Vielleicht darf etwas wichtig gewesen sein und trotzdem seine Form verändern.

Vielleicht dürfen Menschen sich verändern, ohne sich voneinander abzuwenden.

Vielleicht darf Liebe genau das aushalten.

Halten, ohne festzuhalten

Liebe bedeutet, den anderen zu halten, ohne ihn festzuhalten.

Halten kann heißen: Ich sehe dich.

Ich nehme wahr, wer du gerade bist.

Ich lasse dir Raum, du selbst zu werden.

Und vielleicht gehört genau das zum Lieben: dem anderen die Freiheit zu lassen, jemand anderes zu werden.

Aber auch wir selbst dürfen jemand anderes werden.

Manchmal wird eine klare Entscheidung für Unentschlossenheit gehalten – besonders von Menschen, die nur eine Momentaufnahme kennen.

Aber ein Leben ist keine Momentaufnahme.

Wir wissen nie, was gerade alles gleichzeitig in einem Leben geschieht.

Jemand trauert.

Jemand wächst.

Jemand lässt los.

Jemand beginnt neu.

Jemand liebt.

Alles gleichzeitig.

Was bleiben darf

Vielleicht müssen wir gar nicht entscheiden, welches Gefühl nun das „richtige“ ist.

Trauer darf da sein.

Glück darf da sein.

Dankbarkeit darf da sein.

Und die Liebe darf bleiben.

Nicht, dass die Trauer irgendwann weg sein muss.

Nicht, dass wir etwas loslassen müssen, damit wieder Glück sein darf.

Sondern dass all das nebeneinander existieren kann.

Vielleicht ist Trauer überhaupt nicht das Gegenteil von Liebe.

Vielleicht ist sie manchmal nur eine ihrer schmerzhaftesten Formen.

Begegnung braucht Bewegung. Und Wahrnehmen kann trösten.

Wenn wir einander wirklich sehen, müssen wir nicht alles lösen.

Manchmal reicht es, da zu sein.

Dem Wesentlichen treu bleiben

Und vielleicht ist das auch eine Form von Treue.

Nicht stehen zu bleiben.

Nicht eine alte Form um jeden Preis zu bewahren.

Sondern dem Leben zu erlauben, sich zu verändern – und dabei dem Wesentlichen treu zu bleiben.

Ich glaube, wir müssen manches auf die Reise schicken.

Nicht weil es uns nichts mehr bedeutet.

Sondern gerade weil es uns etwas bedeutet.

Damit es sich weiterentwickeln kann.

Und damit auch wir selbst weiterwerden.

Vielleicht ist das die Frage, die für mich hinter all dem steht:

Was sind die wichtigen Dinge, denen ich in meinem Leben wirklich treu bleiben möchte?

Nicht den Formen.

Nicht den Erwartungen.

Sondern dem, was darunter liegt.

Der Liebe.

Der Lebendigkeit.

Der Freiheit.

Dem Werden.

Denn das Leben geschieht gleichzeitig.

Trauer ist da.

Glück ist da.

Dankbarkeit ist da.

Abschied ist da.

Werden ist da.

Und die Liebe kann bleiben.

Wir sehen uns, Manu Dillenburg-Lux